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Katla

Arktisentdecker

Die Elfenkirche von Tungustapi

Vor vielen Jahrhunderten lebte einmal ein reicher Bauer auf Sælingsdalstunga. Er hatte zwei Söhne, die hießen Arnór und Sveinn. Beide waren tüchtige Männer, wenn auch auf unterschiedliche Art. Arnór war gesellig und ging mit anderen Burschen oft Vergnügungen nach. Es war die Gewohnheit der Burschen, sich an einem Felsen am Fluss zu treffen und dieser Felsen wird Tungustapi genannt. Im Winter schlitterten sie unter lautem Rufen vergnügt auf dem harten Schnee vom Felsen.

Sveinn nahm nur selten an den Vergnügungen teil und ging lieber in die Kirche, während die anderen spielten. Er war oft allein und verweilte an dem Felsen, ohne dass die anderen ihn bemerkten. Bald munkelte man, dass Sveinn mit den Elfen im Bunde stand, denn an jedem Neujahrstag verschwand er und niemand wusste, wo er war. Sveinn bat seinen Bruder Arnór häufig, nicht so viel Lärm am Felsen zu machen. Aber Arnór verspottete ihn nur und sagte, er habe wegen ein wenig Lärm kein Mitleid mit den Elfen.

An einem Neujahrstag verschwand Sveinn wie üblich. Die Leute wunderten sich und fragten bald, was wohl mit Sveinn geschehen war. Da erbot Arnór sich, nach seinem Bruder zu sehen. Das Wetter war unfreundlich und er stapfte durch tiefen Schnee zum Felsen Tungustapi. Kaum als er den Felsen erreicht hatte, tat sich plötzlich ein Tor auf. Es war dem Bauernhof zugewandt und Arnór vermochte unzählige Lichter hinter dem Tor zu erkennen. Auch hörte er wundervollen Gesang und sah, dass die Elfen Gottesdienst feierten. Langsam und mit großer Vorsicht näherte er sich der Elfenkirche. Ein Pfarrer in prächtigem Gewand stand am Altar und Lichter säumten in Reihen die beiden Seiten der Kirche. Arnór ging zum Kircheneingang und erkannte seinen Bruder Sveinn, der vor dem Altar kniete. Der Pfarrer legte ihm gerade die Hand auf das Haupt und in diesem Moment rief Arnór: "Sveinn, komm, Dein Leben steht auf dem Spiel!" Sveinn erschrak sehr und wandte sich seinem Bruder zu. Da rief der Mann am Altar: "Schließt die Kirchentüren und bestraft den Menschen, der es gewagt hat, unseren Frieden zu stören. Aber Du Sveinn, musst uns verlassen und das ist die Schuld Deines Bruders. Und weil Du mehr auf seinen Ruf gegeben hast, als auf Deine Weihe zum Pfarrer, sollst Du tot umfallen, wenn Du mich das Nächste mal in dieser Kirche siehst!"

Arnór aber begann so schnell er konnte zu laufen und die Elfen ritten auf ihren Rössern mit donnernden Hufen hinter ihm her. Einer der Reiter rief: „Reitet, reitet, dunkel ist die Bergflanke, jagt den erbärmlichen Wicht, es soll das Licht des kommenden Tages nicht mehr erblicken!“ Die Elfen kamen bald zwischen Arnór und seines Vaters Hof und da musste er zurückweichen. Doch die Elfen verfolgten ihn und ritten ihn nieder, so dass er mehr tot als lebendig zurückblieb.

Sveinn kam spät in der Nacht heim, war sehr niedergeschlagen und sprach nicht viel, aber er fühlte, dass man nach seinem Bruder Arnór Ausschau halten musste. Da machten sich die Leute auf und suchten die ganze Nacht nach Arnór und schließlich fand ihn der Bauer von Laugar. Arnór erzählte dem Bauern alles, was sich ereignet hatte. Er war aber so schwach, dass er starb, bevor man ihn heim bringen konnte. Der Platz wird seitdem Banabrekka (Todesspur) genannt.

Nach diesen Ereignissen war Sveinn nie mehr wie früher und er wurde mit der Zeit immer schwermütiger. Er entsagte schließlich allen weltlichen Dingen und wurde Mönch im Kloster Helgafell. Er war der klügste der Mönche und er vermochte die Messe schöner als alle anderen zu singen.

Als Sveinns Vater alt geworden war, ergriff ihn eine schwere Krankheit. Und als er fühlte, dass seine Tage sich dem Ende näherten, sandte er nach Sveinn. Sveinn machte sich augenblicklich auf den Weg zu seinem Vater. Zu seinen Brüdern im Kloster sagte er zum Abschied: „Lebt wohl, meine Brüder. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ich nicht lebend zu Euch zurückkehre.“ Sveinn kam am Samstag vor Ostern in Tunga an und fand seinen Vater sterbend vor. Sein Vater bat ihn am Ostersonntag die Messe zu halten und gab Anordnung, dass man ihn in die Kirche bringen möge, so dass er dort sterben konnte. Sveinn mochte dem erst nicht zustimmen. Schließlich war er aber einverstanden unter der Bedingung, dass die Kirchentüren während der Messe nicht geöffnet wurden. Den Leuten schien dies seltsam, aber sie glaubten, Sveinn wolle den Felsen Tungustapi nicht sehen, denn die Kirche stand auf einem niedrigen Hügel und die Kirchentür öffnete sich in Richtung des Felsens.

Der Bauer wurde in die Kirche gebracht und Sveinn traf alle Vorbereitungen für die Messe. Die Leute hatten nie so schönen Gesang gehört und sie waren zutiefst gerührt. Als aber Sveinn sich vom Altar abwandte und begann, die Gemeinde zu segnen, schlug eine plötzliche kalte Windbö aus Westen die Tür der Kirche auf. Die Gemeinde erschrak und alle drehten sich um. Sie glaubten, in dem Felsen draußen ein offenes Tor zu erkennen, aus dem unzählige Lichter schimmerten. Als aber die Gemeinde sich wieder dem Pfarrer zuwandte, lag er am Boden und war tot. Im selben Augenblick war auch sein Vater gestorben.

Das Wetter war vor und nach diesem einen Windstoß ruhig und die Gemeinde vermutete, dass der Windstoß aus dem Tor im Felsen gekommen war. Unter den Leuten, die alles beobachtet hatten, war auch der Bauer von Laugar, der Arnór viele Jahre zuvor gefunden hatte. Er erinnerte sich an die Geschichte und erzählte sie den anderen. Nun begriff die Gemeinde, dass die Drohung des Elfenbischofs sich erfüllt hatte. Als das Tor im Felsen offen stand und gleichzeitig die Kirchentür vom Wind aufgerissen wurde, standen sich Sveinn und der Bischof gegenüber und konnten einander sehen, denn die Türen von Elfenkirchen liegen in entgegengesetzter Richtung zu den Kirchentüren der Menschen.

Danach wurde eine neue Kirche näher am Bauernhof errichtet, und kein Pfarrer konnte seitdem mehr durch die Kirchentür zum Felsen blicken.

Der Felsen von Tungustapi.
Der Felsen von Tungustapi.