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Halldór Kiljan Laxness (1902-1998)

Photo von Halldór Kiljan Laxness.

Wenn man Island heute nicht nur als das Land der Sagas, sondern auch als die Heimat moderner Weltliteratur kennt, ist dies das Verdienst von Halldór Kiljan Laxness. Der Bauernsohn, der sich später nach dem Hof Laxness seinen Schriftstellernamen gab, wurde am 23. April 1902 als Halldór Gudjónsson geboren und starb 1998. Schon in jungen Jahren bereiste er Europa und legte 1919 seinen ersten, heute von ihm als Jugendsünde verworfenen bauernromantischen Roman "Ein Naturkind" vor. Doch bereits mit dem zweiten Werk, dem auf Sizilien verfaßten "Der große Weber von Kaschmir" (1927), für den sich zunächst kein Verleger fand, gelang Laxness der Anschluß an die geistigen und literarischen Strömungen in Europa. Das Buch um einen jungen Isländer, der in den Wirren Nachkriegseuropas seine Identität sucht und am Ende in den Schoß der katholischen Kirche flüchtet, trägt stark autobiographische Züge. So war auch Laxness, der sich 1922 in ein Kloster in Luxemburg zurückgezogen hatte, 1923 zum Katholizismus konvertiert. Doch schon bald wandte er sich wieder von der römischen Lehre ab, nachdem er 1927/29 auf einer Amerikareise die wirtschaftliche Depression und die Auswüchse des kapitalistischen Systems gesehen hatte. Laxness wurde zum Sozialisten, und seine nächsten Romane wie "Salka Valka" (1931) und "Sein eigener Herr" (1934) sind geprägt von sozialkritischem Engagement. In Island geriet der Romancier in den Ruf eines Kommunisten, vor allem nach seinen Reisen in den dreißiger Jahren in die Sowjetunion. Er war Zeuge des stalinistischen Terrors geworden, der ihn erschreckte, über den er aber schwieg. Viel später hat er sich in einem seiner Erinnerungsbücher selbstkritisch mit der Frage auseinandergesetzt, warum er, wie so viele Intellektuelle, an die Scheinwahrheiten der Kommunisten geglaubt habe. Seine Antwort: "Weil wir uns selbst belogen." Als Laxness dann 1943 seinen historischen Roman "Islandglocke" schrieb, in dem die Leiden der Isländer unter der Herrschaft der dänischen Unterdrücker dargestellt sind, wurde er bald zum beliebten Nationaldichter. Doch mit den folgenden Büchern "Atomstation" (1948) und "Die glücklichen Krieger" (1952), die Empörung auslösten, setzte er seinen Ruf gleich wieder aufs Spiel.

Photo von Halldór Kiljan Laxness.

"Atomstation", heute Laxness´ bekanntestes Buch, erzählt von einem Mädchen, das vom Land in die Hauptstadt Reykjavik in den Haushalt eines Abgeordneten kommt. Politischer Hintergrund des Werkes ist die umstrittene Entscheidung des Parlaments, den USA die Errichtung einer Militärbasis auf der strategisch wichtigen Insel zu gestatten. Der Roman ist in seiner Tendenz eindeutig antimilitaristisch - aber es handelt sich keineswegs um einen Thesen- und Propagandaroman, sondern um ein komplettes, erzählerisch höchst kunstvolles Werk, dem vor allem Laxness den Nobelpreis (1955) verdankt.

Das literarische Werk von Laxness umfaßt mehr als sechzig Buchtitel, darunter sind auch Dramen und ein Gedichtband. In Deutschland, wo lange Zeit unzulängliche, zum Teil gar nicht aus der Originalsprache übersetzte Bücher in Umlauf waren, erscheint seit einigen Jahren im Göttinger Steidl-Verlag eine neue Laxness Werkausgabe. Noch in Zusammenarbeit mit dem Autor, der selbst gut Deutsch sprach, kamen hier die wichtigsten Bücher des Nobelpreisträgers in neuen, zuverlässigen Übertragungen heraus.

Halldór Laxness war ein Nationaldichter ohne nationalistische Engstirnigkeit, ein Weltbürger, der auf seiner Insel verwurzelt ist, ein moderner Erzähler, in dessen Werk die vielhundertjährige Saga-Tradition aufgehoben ist. In seinem Roman "Am Gletscher" steht der Satz: "Wer nicht in Poesie lebt, überlebt hier auf der Erde nicht."

 

(Textquelle: Jürgen P. Wallmann, "Kosmopolit von der Insel", Nürnberger Nachrichten vom 10.2.98 Bildquelle: Iceland Review)